Erfinder des natürlichen Tons

Radiopionier „Atze“ Hans Karl Schmidt wird 85.

 

Nerven Sie diese aufgedreht jugendlichen Radiostimmen, die sich mit gestelzter Heiterkeit selbst überschlagen?

Ein bewährtes Gegenmittel heißt „Atze“. Wir hören ihn bis heute im Äther - und natürlich auch im Netz. Wenn Hans Karl Schmidt seine Wortbüchse der Pandora öffnet, entkommen noch immer gezielte Ironie-Schüsse aus einem fast 60-jährigen Radioleben. Besonders gerne richtet er den Lauf auf sich selbst und zeigt offene Freude, wenn er trifft. Oft  sind es auch ganze Schrotladungen, eine Mixtur aus Wehmut, Emotion, Erinnerung. Serviert als persönlicher Wortsalat. Immer bunt und erfrischend, immer wohltuend viele Tonlagen neben tausendfach durchgekautem und  ausgelutschtem Radiobrei. Am liebsten überrascht er sich in seinen Sendungen selbst („weiß der Himmel, wie das heute wieder endet“). Atze und Format-radio von der Stange? Das wäre der Akrobat mit einem Rechenschieber.    

 

Wir lehnen uns zurück und regenerieren mit einem Grande des deutschen Hörfunks. Hans Karl Schmidt wird 85. Seine Radiospuren hat er mit über 5.000 Sendungen bei RIAS, RTL („Atze & Co“), HR („Teens-Twens Top-Time“, „Guten Morgen allerseits“ „Mittagsdisko-theke“), WDR („Hallo Ü-Wagen“) hinterlassen. Wellenspuren, die mit winzigen Fußabdrücken in einem Berliner Hinterhaus beginnen:

 

Danckelmannstrasse 43. Da leben die Schulzes und die Lehmanns. Und Hänschen mit seiner Mutter, einem Dienstmädchen. Jeden Tag muss sie zur Herrschaft. Wohin mit Hänschen? Aus der Not sperrt sie ihn den Tag über ins Zimmer ein. Die Welt ist eng, das Klo auf halber Treppe. Das Revier wird größer.

Hänschens Kinderbande erobert die Charlottenburger Strassenzüge, die Spree, das Ufer vom Lietzensee. Mutproben. Hänschen durchlebt eine Kindheit, in der die Sonne bald durch düstere Wolken scheint als Bomber über die Hinterhöfe donnern. Kleine Geschichten, die große Geschichte erzählen. Das sind die „Berliner Geschichten – Bomben und Bienenstich“, die Doppel-CD von Hans Karl Schmidt, auf hr4 gesendet wurden sie zum Bestseller.

Die Kinderhorde hat der Krieg zerrissen. Hänschens Vetter wird ne-ben ihm erschossen - beim Kohlenklauen. Er selbst kommt durch, mal wieder.

 

Bomben und Bienenstich lässt Schmidt nach dem Krieg hinter sich, kommt über Umwege als Taxifahrer, Krankenpfleger und Koch nach Kanada. Er betreibt ein kleines Kino, probiert sich nachts als Radio-sprecher aus - in einer „Deutschen Stunde“. Zurück in Berlin, macht er das Mikrofon zum Beruf seines Lebens. Seine Entdecker sind Hans Rosenthal (RIAS) und Camillo Felgen (Radio Luxemburg).

Dort gehört er neben Frank Elstner und Dieter-Thomas Heck zur Stammbesetzung. Zu „Atze“ wird er mit einer eigenen Zwei-Stim-men-Parodie.

Seine Stimmungslage macht er in der immer noch versteiften Radio-landschaft zum bunten Programm („ick bin nur authentisch, wenn ick och mal sinniere“). Ein erfolgreicher Wechsel mit Atzes Marken-Lachen („hua-hua-hua“), wie das die Hörer lieben! Waschkörbe mit Fan-Post sind ihre Antwort. Ein natürlicher Radioton ist geboren. Ein Unterhaltungsmedium darf laufen lernen. Noch auf der  Mittelwelle der 60-er Jahre.

 

Wir erinnern uns an die natürliche Radiostimme unserer Jugend, die immer so klang, wie es uns selber ging. Uns die Hausaufgaben erträglicher machte und vielen späteren Kollegen eine erste Ahnung von diesem grenzenlos kreativen Medium gab. Und wir schalten noch immer gerne ein, etwa die „Ems-Vechte-Welle“ oder „Rundfunk Meissner“ an jedem zweiten Sonntagmorgen oder „radio-landeck.de“, Atzes eigenen Internetsender - on demand.

Seine Lesungen füllen öffentliche Säle – oft mit den Erlebnissen unter sechs Berliner Kindern in dramatischer Zeit. Die haben mit Atzes Radiosendungen gemein, dass sie wie ein  Vermächtnis klingen - über die Zeitlosigkeit von Kinderträumen, über das Durchhalten und die Zuversicht. Über das kleine und das große Glück. Herzlichen Glückwunsch, lieber Atze! Einer kam durch, auch im Radio. Ein Segen.

Mathias Welp